Liebe. Versuch einer Begriffsbestimmung

1. Bedeutung und Unklarheit

Eberhard Schockenhoff setzt sich in seiner theologischen Ethik[1] intensiv mit den christlichen Tugenden auseinander, insbesondere mit der Liebe[2], denn Liebe als christliche Tugend sei, so Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“. Sie wird so zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“.[3]

Bedauerlicherweise steht die Klarheit des Begriffs im umgekehrten Verhältnis zu dessen Bedeutung für die christliche Moral. Wenn von „Liebe“ die Rede ist, müsse mit Pesch zurückgefragt werden „was denn genau gemeint sei, wenn man in theologischen Zusammenhängen von ,Liebe’ spricht“[4].

2. Begriffsanalyse (eros/agape)

Eine Klärung des Begriffs Liebe kann in der Weise erfolgen, dass man die klassische Unterscheidung von eros und agape vornimmt, wobei der eros das sinnliche, begehrende Moment der Liebe und die agape die geistige Hingabe, die schenkende, wohlwollende Liebe meint, die dann zur tätigen Nächstenliebe, zur caritas wird.

Die Frage ist: Sind das zwei dichotome Arten von Liebe, die nichts miteinander zu tun haben, sich ausschließen oder eher zwei Richtungen des einen Liebens? Papst Benedikt XVI. hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est eher den Unterschied verdeutlicht, indem er herausstellte, dass „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen‘ Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ dem Gegensatz von der Welt des alten Menschen und dem Reich Gottes des neuen Menschen entsprechen. Benedikt weiter: „Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende’ und ‚absteigende’ Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae – amor benevolentiae)“[5]. Also: eine deutliche Verschiedenheit.

Man könnte aber auch die These wagen, dass beides unbedingt zusammengehört, dass ich nicht begehren kann, ohne die Absicht zu haben, mich an das Begehrte zu verschenken, dass ich aber umgekehrt auch nicht tätig werden kann im Sinne karitativen Handelns, ohne eine sinnliche, erotische Beziehung zu dem Adressaten des Handelns aufzubauen. Das meint nicht einfach nur, dass ich bei der Krankenpflege Körperkontakt eingehe, das meint auch nicht, dass ich bei jeder Hilfeleistung Hintergedanken sexueller Natur hege oder nur noch Menschen mit Liebe begegne, in die ich „verliebt“ bin, im engen Sinne des Begehrens nach partnerschaftlicher Nähe, sondern dass ich ein Interesse entwickeln muss, das mich vom abstrakten Nächstenliebegebot ins konkrete Tun zu überführen in der Lage ist. Dieses Interesse liegt auch auf der Ebene des Eros, etwa im Erkennen des Schönen (am anderen Menschen, in der Natur usw.). Man könnte also sagen: Es gibt also keine echte agape ohne begehrende Sinnlichkeit und keinen echten eros ohne ein sich selbst verschenkendes Wohlwollen.

3. Christliche Liebe als agape

Der Christ zehrt von einer dreifachen Liebe: der Liebe zu Gott, der Liebe zum Nächsten und der Liebe zu sich selbst. Das drückt Jesus in Gebotsform aus und betont, dass dieses Dreifachgebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe die Erfüllung aller Gebote sei, die Quintessenz des Glaubens (Lk 10, 27-28). Und auch im Glauben zeigt sich begehrende Sinnlichkeit und sich verschenkendes Wohlwollen. Sinnlichkeit im Ritus, im liturgischen „Umgang mit Gott“, in der Materialität als Ausdrucksform der Hingabe, Wohlwollen im Umgang mit dem Nächsten durch karitative Aktivität und mit uns selbst, wenn Glaubensvollzug Teil eines Wellness-Programms ist, was hier gar nicht abwertend gemeint sein soll, sowie es eben nur eine und nicht die Dimension des christlichen Glaubens ausmacht.

Dennoch: Schockenhoff macht die Differenz von Wohlwollen und Begierde, von Vernunftleitung und Triebsteuerung, von amor benevolentiae und amor concupiscentiae wie Benedikt sehr stark, da sie „fundamentaler als alle nachfolgenden Unterscheidungen“ sei, also die in Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, weil „sie nochmals in jene Unterarten der Liebe eingeht“. Zugleich betont er aber, dass es eine Zwischenform gibt, die auf affektiver und willentlicher Bejahung des Anderen basiert, die philia oder amor amicitiae als eine „personale Liebe“, die sich von der „funktionalen Liebe“ abgrenzen lasse.[6] Damit weist die philia stärker in Richtung agape als in Richtung eros.

4. Zur Normativität der Agape

Doch: Kann Liebe überhaupt eingefordert werden? Schließlich erscheint sie im Neuen Testament in Gebotsform. Die Normativität der Liebe benötigt einen Begriff von Liebe, der wirklich in den Bereich dessen fällt, was der Mensch sollen kann. Damit ist klar, dass hier Liebe nicht im Sinne des Gefühlsbegriffs eros, sondern im Sinne des Vernunft- bzw. Willensbegriffs agape gemeint ist. Von agape ist denn auch in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen in der deutschen Übersetzung „Liebe“ steht,[7] eine Liebe, die mit dem unbedingten normativen Anspruch verknüpft wird, der das Christentum gegenüber allen anderen Religionen und Philosophien auszeichnet. In den Worten Rudolf Schnackenburgs: „Die Agape ist der Prägestempel der christlichen Religion.“[8]

5. Agape als Gottesliebe und Menschenliebe

Was hat es mit der agape nun auf sich? Was zeichnet sie aus und wie kann ich Liebe in diesem Sinne leben lernen? Vorbild ist hier die Ethik Jesu, welche eine Empathie zum Prinzip erhebt, die sich mit dem Liebesbedürftigen identifiziert und letztlich eint. Die moderne Psychologie würde hier wohl von „Perspektivenwechsel“ und „imaginativer Rollenübernahme“ sprechen.

So wie in Jesus Gott und Mensch geeint sind, so wie Gott in Christus den menschlichen Standpunkt einnimmt und uns von dort aus ganz neuartig liebt (bis hin zur Selbstaufgabe), so sollen wir aus dem Blickwinkel des Nächsten schauen, seine Perspektive einnehmen und so erkennen, welcher Unterstützung er bedarf. Einschlägig ist hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37), das unmittelbar im Anschluss an das Liebesgebot überliefert ist. Hier erzählt Jesus von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden aus Sicht des Opfers und sprengt damit die „legalistische Enge der Gesetzeskasuistik“[9], auf die die Pharisäer mit der Frage „Wer ist mein Nächster?“ (Lk 10, 29) abzielen. Sie möchten eine Antwort, die als Definition, also Abgrenzung, die Handlungssphäre des Einzelnen prinzipiell bestimmt. Jesus macht durch den Perspektivenwechsel aber deutlich, dass sich die Grenze nur an dem zu Liebenden bemessen lässt. Erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt. Der barmherzige Samariter sagt zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (Lk 10, 35). Das ist der Clou der Ethik Jesu, der als „supererogatorischer Ansatz“ bekannt wurde: Es gibt kein: „Genug!“ aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserer Liebe prinzipiell ausgenommen ist. „Die Verpflichtung zur Nächstenliebe“, so Schockenhoff, gilt „in den Augen Jesu“, aus denen Gott auf uns Menschen schaut, „ohne Grenze und Einschränkung für jeden (als Subjekt der Liebe) und gegenüber jedem (als Objekt der Liebe)“[10]. Wenn es überhaupt eine Schranke gibt, legt sie der Andere fest, nicht ich.

Diese Liebe stellt ein vitales Konstitut des christlichen Glaubens dar, denn in dieser Liebe „bleibt der scheidende Erlöser und das Geschenk seiner Hingabe unter den Jüngern für alle Zeiten lebendig“[11]. Umgekehrt gilt. Der erheblichen Anforderung einer grenzenlosen Liebe, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch der punktuellen Selbstaufgabe im Interesse des Anderen (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt) kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt.[12] Eine solche absolute Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Mit anderen Worten: Gott ist Garant dieser Liebe.

Anmerkungen:

[1] Eberhard Schockenhoff: Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br. 2007. [Rezension]

[2] Eberhard Schockenhoff: „Die Liebe“, in: Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br. 2007, S. 210-302.

[3] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 211.

[4] Otto Hermann Pesch: „Liebe“, in: NHThG, S. 8-26, hier: S. 8.

[5] Benedikt XVI.: Deus caritas est (25. Dezember 2005, veröffentlicht am 25. Januar 2006), Nr. 7.

[6] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 246.

[7] Schockenhoff (S. 214) weist darauf hin, dass agape in der griechischen Sprache eigentlich sehr ungebräuchlich ist, in der Bibel aber weitaus öfter vorkommt als das „ausdrucksstarke, im klassischen Griechisch bevorzugte Wort eros“, das „nahezu vollkommen vermieden“ wird, ebenso wie das Wort philia, das „nur gelegentlich“ erscheine. Karl Barth vermutet, dass agape gerade deswegen aufgenommen wird, weil es „ein ziemlich farbloses Wort“ (Kirchliche Dogmatik, IV/2, S. 836) war, das, wie Schockenhoff betont, „in seinem Sinngehalt weniger festgelegt war“ als das in den Göttermythen verschlissene und „mit allerlei geschlechtlicher Pikanterie“ konnotierte Wort eros.

[8] Rudolf Schnackenburg: Die sittliche Botschaft des Neuen Testaments. Band I: Von Jesus zur Urkirche. Freiburg i. Br. 1986, S. 214.

[9] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 222.

[10] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 223.

[11] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 243.

[12] Schockenhoff: „Die Liebe“, S. 247.

(Josef Bordat)